Hintergrundinformationen zum Thema
„Tiefgangsausnutzung auf der Elbe“
Die Fahrrinnenanpassung von Unter- und Außenelbe soll großen Containerschiffen mit Tiefgängen bis 14,50 m den Verkehr auf der Elbe mit voller Beladung ermöglichen.
Zugleich weist die Statistik der Elbeschifffahrt eine von Jahr zu Jahr steigende Zahl eben solcher Schiffe nach, die bereits auf der Elbe verkehren – mit nur teilweiser Beladung.
Belegt dieser Umstand nun den Bedarf an der Fahrrinnenanpassung? Oder zeigt er, dass sie unnötig ist, wie Kritiker der Maßnahme behaupten?
Die großen
Containerschiffe sind schon da ...
Der
Planfeststellungsantrag für die Fahrrinnenanpassung betont die besonders
wichtigeRolle der Schiffe mit einem
Tiefgang um 14,50 m im Verkehr von und nach Hamburg. In der für Hamburg
wichtigen Ostasien-Fahrt werden sie die Regel sein.
Grafik 1 zeigt
die Anzahl der Fahrten von Vollcontainerschiffen > 12,50 m
Konstruktionstiefgang – also solcher Schiffe, die tiefer gehen können als heute
tideunabhängig möglich. Besonders dargestellt sind die in dieser Anzahl
enthaltenen Fahrten der Schiffe mit Konstruktionstiefgängen > 13,50 m,
also solcher Schiffe, die heute nicht einmal tideabhängig mit voller Abladung
fahren können. Genau diesen Schiffen soll die Fahrrinnenanpassung künftig eine
höhere Abladung ermöglichen, ein „Bemessungsschiff“ mit einem Tiefgang von
14,50 m diente daher als Planungsgrundlage. Ferner ist die Anzahl der Fahrten
dargestellt, bei denen Schiffe mit Konstruktionstiefgängen > 12,50 m
hohe Beladungen aufgenommen und dadurch einen so großen Tiefgang hatten, dass
sie eine tideabhängige Fahrt ggf. mit Wartezeiten in Kauf nehmen mussten.
Die Zahlen
belegen, dass die Bedeutung der großen Containerschiffe in der Hamburg-Fahrt
wächst, dass innerhalb dieser Schiffsgruppe Schiffe aus der Größenklasse des Bemessungsschiffes bereits dominieren und
dass zunehmend tideabhängig gefahren wird.
Welche Rolle
spielen nun die großen Containerschiffe für den Umschlag? Die Grafik 2 zeigt,
dass der Löwenanteil des Hamburger Containerumschlags durch die großen Schiffe
abgewickelt wird, und zwar bereits überwiegend von Schiffen aus der
Größenklasse des Bemessungsschiffs.
Die Grafik zeigt ferner, dass die besonders großen Containerschiffe (Konstruktionstiefgang > 14,50 m) 2009 bereits für 20% des Umschlages sorgten (2008: 15%, 2007: 10%). Ihr Anteil wächst seit 3 Jahren so dynamisch, dass sie einerseits wesentlich zum Wachstum des Hamburger Containerumschlags beitragen, andererseits bereits Kapazitäten „kleinerer“ Großcontainerschiffe ersetzen. Dieses Phänomen erklärt die in Grafik 1 erkennbare Abnahme der Schiffsbewegungen im Jahr 2007 gegenüber 2006 bei einem gleichzeitigen Anstieg des Gesamtumschlags der Vollcontainerschiffe (von 2006 8,4 Mio. TEU auf 2007 9,5 Mio. TEU). Und es liefert einen eindrucksvollen statistischen Nachweis für die im Planfeststellungsantrag enthaltene Ausführung, dass Schiffe von der Größenklasse des Bemessungsschiffes künftig die Hauptlast des Hamburger Containerverkehrs tragen werden. ... aber sie fahren zumeist nicht voll beladen
Die in den Grafiken 1 und 2 enthaltenen Zahlen für den tideabhängigen Verkehr zeigen außerdem: Nur ein kleinerer Teil der Schiffe, die einen Tiefgang > 12,50 m erreichen können, nutzen ihn tatsächlich aus. Die Großcontainerschiffe, die bereits auf der Elbe verkehren, sind also zumeist nicht voll beladen.
Der Grund hierfür liegt nicht in einem Mangel an Ladung. Vielmehr ist es so, dass die Reedereien in der Regel ihre Schiffe bis zu demjenigen Gesamtgewicht beladen, mit dem eben noch eine tideunabhängige Fahrt möglich ist. Dies belegt Grafik 3: Sie zeigt, dass die überwiegende Zahl der großen Containerschiffe mit tatsächlichen Tiefgängen von 11,50 m bis 12,50 m fahren, also dem derzeitigem Beladungsmaximum bei tideunabhängiger Fahrt.
Diese Häufung in
einem ganz bestimmten Tiefgangssegment würde nicht stattfinden, wenn Ladung
generell knapp wäre. Sie ist auch kein Zufall. Die Reedereien entscheiden sich
bewusst für die Flexibilität – und damit auch für eine gewisse Unterauslastung.
Denn in den meisten Fällen stellt sich die tideunabhängige Fahrt bis 12,50 m
Tiefgang als wirtschaftlicher dar gegenüber der tideabhängigen Fahrt (12,50 m
bis 13,50 m Tiefgang) mit zeitlichen Beschränkungen.
Das Problem der heutigen Tiefgangsbeschränkung
Mehr Ladung bedeutet weniger Flexibilität
und/oder hohes Zeitrisiko
Tideabhängige
Fahrt bedeutet Einfahrt oder Ausfahrt der Schiffe auf der Flutwelle, also in
einem Zeitfenster, in dem hohe Wasserstände herrschen. Dieses Zeitfenster
umfasst auf der Elbe bei den heute herrschenden Fahrrinnenverhältnissen 60
Minuten und wandert mit der Tide durch den täglichen Stundenplan. Wenn die
Abfertigungslogistik es nicht erlaubt, dieses Zeitfenster „zu treffen“,
entstehen Wartezeiten von bis zu 11 Stunden. Noch länger dauert die Wartezeit,
wenn die Elbe aus Wettergründen geringe Wasserstände führt und sich die
Plantiefgänge nicht realisieren lassen. Fahren mehrere Großschiffe im gleichen
Zeitfenster, ist zusätzlich mit Wartezeiten vor den Hafenterminals zu rechnen.
Solche deutlichen Verzögerungen machen den gesamten Fahrplan eines
Containerschiffs hinfällig und führen unmittelbar zu spürbaren
Betriebskostensteigerungen. Erschwerend kommt in diesem Zusammenhang hinzu,
dass sich die oben dargestellten derzeit möglichen Höchsttiefgänge auf normale
Tideverhältnisse,also mittlere
Tidewasserstände beziehen.Bei über 50%
aller Tiden fallen die realen Wasserstände aber noch niedriger aus, so dass die
Höchsttiefgänge dann nicht realisiert werden können. Im Klartext: Wer voll
beladen ist, muss dann auf eine passende Tide warten. Es wird deutlich, dass
der tideabhängige Verkehr mit zeitlichen Risiken verknüpft ist.
Pünktlichkeit und
Flexibilität gibt es nur bei Ladungsverzicht
Mit der
tideunabhängigen Fahrt erschließen sich die Reeder demgegenüber zwei
wesentliche Vorteile: Zum einen die Möglichkeit identisch getakteter und
zeitlich gesicherter Fahrpläne als Regelfall. Die Termine für Ankunft,
Umschlag, landseitigen An- und Abtransport sowie Abfahrt bleiben über das Jahr
gleich und können von allen Partnern fest eingeplant werden. Andererseits kann
vom tideunabhängigen Fahrplan, anders als vom tideabhängigen Fahrplan, auch
schon mal abgewichen werden, ohne dass gleich Wartezeiten entstehen. So
bewahren sich die Reeder Chancen, auf spezielle Marktlagen durch kurzfristiges
Umdisponieren reagieren zu können (Aufnahme von mehr/ weniger Ladung, Nutzung
hoher/ Vermeidung niedriger Wasserstände/ Leercontainer-Logistik etc.).
Die Alternative
lautet also: Entweder wirtschaftliche Auslastung und hohes Zeitrisiko bei
Vollbeladung (tideabhängige Fahrt) oder Pünktlichkeit im Regelfall,
Flexibilität im Einzelfall bei Teilbeladung (tideunabhängige Fahrt).
In jedem Fall bedeutet Unterauslastung den
Verzicht auf Einnahmen
Unabhängig
von dieser Abwägung zwischen den Vor- und Nachteilen tideabhängiger und
tideunabhängiger Fahrt bleibt aber gültig: Der Verzicht auf Ladung ist in jedem
Fall mit dem Wegfall möglicher Einnahmen verbunden. Die Unterauslastung eines
Großschiffes ist ein unwirtschaftlicher Zustand und auf Dauer nicht zu
akzeptieren. Die Reedereien tolerieren zur Zeit diese Lage, weil sie Vertrauen
in die baldige Umsetzung der Anpassungsmaßnahmen haben. Steht erst die vertiefte
Fahrrinne zur Verfügung, werden sie sofort die Beladung je Schiffseinheit
erhöhen und die möglichen größeren Tiefgänge auch tatsächlich ausnutzen. Wie
schnell eine solche Anpassung stattfindet, zeigt die Grafik 4 am Beispiel der
vorherigen Fahrrinnenanpassung.
Bis zu dieser Maßnahme bildete die Tiefe von 11,70 m die maximale Grenze für den tideunabhängigen Verkehr, nur wenige Schiffe verkehrten tideabhängig mit einem größeren Tiefgang. Die Grafik zeigt sehr deutlich, dass die großen Vollcontainerschiffe nach der Maßnahme sofort eine höhere Beladung realisierten und die neu zugänglichen Tiefen auch tatsächlich nutzten. Die Abflachung der Kurve in den letzten zwei, drei Jahren deutet an, dass das Potenzial der vorherigen Vertiefungsmaßnahme nahezu ausgeschöpft ist. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass in genau der gleichen Weise die heute verkehrenden Großcontainerschiffe nach Freigabe der neuen Tiefgänge sofort ihre Auslastung erhöhen werden, in der Mehrzahl wiederum nach den dann bestehenden Möglichkeiten der tideunabhängigen Fahrt (bis 13,50 m Tiefgang), in geringerem, wenn auch nicht unbedeutendem Maße bis hin zur Ausnutzung der tideabhängigen Fahrt (dann 13,50 m bis 14,50 m).
Resümee: Die Unterauslastung der großen Vollcontainerschiffe ist keinesfalls ein Indiz für Mangel an Ladung, sondern ein eindeutiger Beleg für die Notwendigkeit der Fahrrinnenanpassung.