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Unbestritten haben Fahrrinnenvertiefungen in der Unterelbe einen gewissen Beitrag zur Vergrößerung des Tidehubs geleistet. Auch die geplante Vertiefung wird stellenweise den Tidenhub vergrößern, wenn auch nur in geringem Maße (s.o: „Art und Umfang hydrodynamischer Veränderungen“). Daher liegt die Frage nahe, ob dieser Effekt nicht auch bei Sturmfluten eintreten wird, und ob dann möglicherweise erhöhte Sturmflutwasserstände die bestehenden Deiche überlasten werden.
Hier ist zunächst zu bedenken, dass sich die Wasserstandsveränderungen
beim mittleren Tidehochwasser nicht einfach auf Sturmflutereignisse
hochrechnen lassen. Sturmfluten füllen ein Vielfaches des Rauminhalts,
den ein normales Hochwasser benötigt. Der bei Sturmfluten überströmte
Geländequerschnitt von Deich zu Deich ist viel größer als der des
Flussbettes bei normaler Tide. Die Auswirkung der ausbaubedingt
geglätteten Fahrrinnensohle – eine schnellere Strömung und dadurch
vermehrter Wassertransport – vermindert sich daher bei Sturmfluten. Je
höher das Wasser steigt, desto größer der Anteil zusätzlich
überströmter Flächen, d.h. desto geringer die von den Maßnahmen an der
Fahrrinnensohle ausgehende Wirkung auf die Wasserstandshöhe insgesamt.
Für
die feststellbaren Erhöhungen der Sturmflutscheitel an der Unterelbe in
den letzten Jahrzehnten waren ganz überwiegend Vordeichungen und
Absperrungen von Nebenflüssen verantwortlich, weniger die
Fahrrinnenanpassungen.
Trotzdem ist natürlich die Frage, wie
genau in Art und Ausmaß sich Fahrrinnenanpassungen auf die
Sturmflutwasserstände auswirken, wichtig und auch klärungsbedürftig.
Die
im Elbe-Ästuar auftretenden Sturmfluten werden durch die Gezeiten, die
Zugbahn des Sturmtiefs über der Nordsee und durch die Entwicklung der
Windgeschwindigkeit sowie den Oberwasserzufluss aus der Mittelelbe
beeinflusst. Für die Höhe und den Verlauf einer Sturmflut ist vor allem
der zeitliche Zusammenhang zwischen den Gezeiten und der
Windentwicklung über der Nordsee entscheidend. Um belastbare Aussagen
über die Wirkung einer weiteren Fahrrinnenanpassung erhalten zu können,
muss man von den hydrologischen und meteorologischen Merkmalen
konkreter Sturmfluten ausgehen.
Die BAW wurde als unabhängige
Gutachterin mit entsprechenden Untersuchungen beauftragt. Sie hat alle
maßgeblichen Daten der Bemessungssturmflut sowie der historischen
Sturmfluten vom 3.1.1976 und 28.1.1994 einerseits auf den heutigen
Ist-Zustand der Elbe, andererseits auf den geplanten Ausbauzustand
projiziert. Diese Modellrechnungen ergaben ein Spektrum verschieden
ausgeprägter Sturmflutereignisse, jeweils mit und ohne
Fahrrinnenanpassung. Den „schlimmsten Fall“ bildete eine Variante der
Bemessungssturmflut mit einem angenommenen extremen Wasserzufluss vom
Oberlauf (Oberwasser) von 4000 m³/s am Pegel Neu Darchau (der
Mittelwert liegt hier bei 600–800 m³/s, der höchste jemals gemessene
war 3800 m³/s am 7.4.1895). Für alle Szenarien wurden die jeweiligen
Sturmflutwasserstände an den Pegelmessorten entlang der Elbe
abgebildet.

Die
Ergebnisse zeigen, dass sich durch die Fahrrinnenanpassung die
Sturmflutwasserstände zwar an einigen Orten erhöhen, diese Erhöhung
aber im Ausmaß ausgesprochen gering ausfällt. Die BAW kommt
zusammenfassend zu dem Urteil, dass sich durch die geplante
Fahrrinnenanpassung
- die Sturmflutpegel weniger als ± 2 cm verändern,
- die Zeiträume hoher Wasserstände um weniger als ± 5 min verändern,
- die über die Gesamtbreite des Stroms gemittelten Flut- und Ebbstromgeschwindigkeiten um weniger als ± 10 cm/s verändern.
Diese
Ergebnisse führen zu der Bewertung, dass die geplante
Fahrrinnenanpassung hochwasserneutral ist. Ihre möglichen
sturmflutverstärkenden Effekte sind minimal und z. B. vor dem
Hintergrund der viel stärkeren klimabedingten Wasserstandsveränderungen
bedeutungslos. Sie werden von den Sicherheitsmargen
der laufenden Deichertüchtigungen um ein Vielfaches abgedeckt. Diese
sehen allein für klimabedingt erhöhte Sturmfluten rund 30 cm
zusätzliche Deichhöhe vor. Ausführlichere Informationen zu diesem Thema
finden sich in der Broschüre „Hochwasserschutz an der Unterelbe“, herausgegeben vom Projektbüro Fahrrinnenanpassung.

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